{"id":903,"date":"2010-05-25T16:40:20","date_gmt":"2010-05-25T14:40:20","guid":{"rendered":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/?p=903"},"modified":"2023-06-11T19:26:45","modified_gmt":"2023-06-11T17:26:45","slug":"die-farbe-die-linie-und-die-kunst-des-sehens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/dr-nicoletta-torcelli\/die-farbe-die-linie-und-die-kunst-des-sehens\/","title":{"rendered":"Die Farbe, die Linie und die Kunst des Sehens"},"content":{"rendered":"","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":412,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[40],"tags":[43],"class_list":["post-903","post","type-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-dr-nicoletta-torcelli","tag-katalogbeitrag"],"grid":"{\"colCount\":24,\"colGutter\":0.1,\"rowGutters\":[0],\"frameMargin\":5,\"leftFrameMargin\":0,\"rightFrameMargin\":0,\"topFrameMargin\":18,\"bottomFrameMargin\":\"3.6\",\"rowAttrs\":[[],[]],\"bgColor\":null,\"cont\":[{\"type\":\"text\",\"cont\":\"<h1 class=\\\"_Textschrift_Ueberschrift\\\">Die Farbe, die Linie und die Kunst des Sehens<\\\/h1><h1 class=\\\"_Textschrift_Ueberschrift\\\">Gedanken zu den Zeichnungen von G\\u00fcnter Walter<\\\/h1><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">\\u00a0<\\\/p><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">\\u00a0<\\\/p><p class=\\\"_Textschrift\\\">Farbe, Linie, Konstruktion. Aus diesen elementaren Gestaltungsmitteln erschafft G\\u00fcnter Walter seine Arbeiten. Diese sind pure Materie, sie haben keine andere Bedeutung als sich selbst, und als solche geh\\u00f6ren sie der Konkreten Kunst an. Nichts in diesen Bildern verweist auf Dinge der sichtbaren Welt, vielmehr kommt in ihnen Sichtbares \\u00fcberhaupt erst zustande. Das Sichtbare und das Sehen \\u2013 beide Begriffe geh\\u00f6ren unweigerlich zusammen. Geht es beim Sichtbaren um die Physikalit\\u00e4t der Materie, ist beim Sehen der Wahrnehmungsakt zentral \\u2013 der freilich auch physikalischen Prinzipien gehorcht. In diesem oszillierenden Zwischenraum l\\u00e4sst sich die Kunst von G\\u00fcnter Walter ansiedeln: Als Untersuchung der Materialit\\u00e4t der Farbe, und als Erkundung ihrer sinnlichen Wirkung.<\\\/p><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">Was also ist Farbe? Und was passiert mit den Farben, wenn sie auf unser Auge treffen? Der K\\u00fcnstler arbeitet konsequent an dieser Fragestellung, dabei ist sein haupts\\u00e4chliches Medium die Zeichnung. In seinen Werkreihen untersucht er in kleinen Schritten das ganze Farbspektrum; phasenweise entstehen Zeichnungen ausschlie\\u00dflich in Graut\\u00f6nen. Doch ob bunt oder grau: zutage gef\\u00f6rdert werden subtile Differenzierungen. Der ausgepr\\u00e4gte Sinn f\\u00fcr Strukturen und Farbnuancen begleitet G\\u00fcnter Walter auch im Alltag. Es k\\u00f6nnen scheinbar banale Dinge auf der Stra\\u00dfe sein, die en passant seinen Blick bannen. Das Linienger\\u00fcst, das der Schatten eines Balkongel\\u00e4nders in den Raum wirft. Oder die Farben des Lichts auf der feucht-gl\\u00e4nzenden Metalloberfl\\u00e4che eines Kanaldeckels, auf den die Sonne scheint. Solche Momente lassen sich weder festhalten noch abbilden. Der K\\u00fcnstler hat mit seinen Farbstiften ein anderes Ziel: In seinem Atelier will er dem Erlebnis nahe kommen. Am Anfang des Arbeitsprozesses steht die Studie. In dieser Phase der Analyse werden die Farben festgelegt, ihr Zusammenwirken wird auf der Fl\\u00e4che untersucht, ebenso werden die Ma\\u00dfe und der Rhythmus, die Intervalle also, definiert. Jede neue Untersuchung ist ein Experiment, denn erst nach der Ausf\\u00fchrung zeigt sich, ob das Konzept aufgeht oder nicht. Auf diese Weise entstehen Reihen kleiner Formate; daraus greift der K\\u00fcnstler einzelne Zeichnungen heraus und \\u00fcbertr\\u00e4gt die Konstruktionsprinzipien in einen gr\\u00f6\\u00dferen Ma\\u00dfstab.<\\\/p><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">Die Horizontale und die Vertikale bilden die Grundlage seiner Kompositionen. Die mit dem Stift gezogenen Linien \\u00fcberziehen in mehr oder weniger dichten Abst\\u00e4nden das wei\\u00dfe Papier; in anderen Werkreihen wird die gesamte Bildfl\\u00e4che mit schmalen Farbstreifen ausgef\\u00fcllt. Daraus entstehen farbliche Nachbarschaften, ebenso ein Strukturnetz mit vielf\\u00e4ltigen Korrespondenzen. Die Bildspannung wird durch das Zulassen von Spr\\u00fcngen erzeugt: durch den unregelm\\u00e4\\u00dfigen Rhythmus der Farbanordnung, die Variation der Linienl\\u00e4ngen \\u2013 durch Ungleichgewichtungen also. Da jede Linie mit der Hand gezogen wird, zeigen die Striche kleine Unregelm\\u00e4\\u00dfigkeiten auf; ihr Auf- und Abschwellen, heller und dunkler werdend, das alles verleiht den Bildern einen lebendigen Charakter. Jedes Bild ist, wenn auch dezent, Ausdruck einer subjektiven Geste.<\\\/p><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">Unser Auge nimmt diese Werke in erster Linie als vibrierendes Raster wahr: als ein changierendes, manchmal sogar flirrendes Feld aus Vernetzungen und Verflechtungen. Denn was in den Bildern an Farbe zutage tritt, verweist zugleich auf die Variabilit\\u00e4t und Relativit\\u00e4t des Sehens. Sehen ist immer ein prozessualer Akt: Unsere Augen vollziehen mit hoher Frequenz unmerkliche Bewegungen. Die lichtempfindlichen Zellen auf unserer Netzhaut \\u2013 die St\\u00e4bchen und Zapfen \\u2013 leiten die Informationen an das Gehirn weiter; gleichzeitig produzieren sie Phantombilder, mit denen sich das aktuell Sichtbare stets \\u00fcberlagert.<\\\/p><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">Die Farbe, diese konstante Energie, kann niemals hundertprozentig definiert werden; sie zeigt ihre Ambivalenz nicht nur mit jedem Wechsel des Lichts, sondern ebenso im Verh\\u00e4ltnis zu ihrer jeweiligen farblichen Umgebung. \\u201eNur der Schein tr\\u00fcgt nicht\\u201c, hat Joseph Albers einmal gesagt. G\\u00fcnter Walter bezieht sich ganz bewusst auf den Pionier Albers, denn dieser hat das Prinzip der Wechselwirkung der Farben nicht nur in seiner Kunst, sondern auch theoretisch ausf\\u00fchrlich dargelegt. Da w\\u00e4re die R\\u00e4umlichkeit der Farbe. Wie sorgt sie auf der zweidimensionalen Farbfl\\u00e4che f\\u00fcr Raumillusion? Denn manche Farben scheinen unter oder \\u00fcber andere zu liegen, manche erscheinen n\\u00e4her, andere entfernter ... werden diese Farbqualit\\u00e4ten bewusst als Kompositionsmittel eingesetzt, kommt es im Bild zu Hebungen und Senkungen, die Struktur wird gewisserma\\u00dfen verr\\u00e4umlicht. Da w\\u00e4ren die Farbeffekte. Wie werden diese produziert? Warum entstehen Farbt\\u00e4uschungen? Wesentlich daf\\u00fcr ist die Verschmelzung von zwei gleichzeitig gesehenen Farben im Auge, der sogenannte Bezold-Effekt \\u2013 aus wenigen Farben k\\u00f6nnen so subjektiv unz\\u00e4hlige T\\u00f6nungen und Farbwerte entstehen. Und diese Interaktion, die Durchdringung der Farben, findet dar\\u00fcber hinaus auch rein physikalisch statt, denn jede Farbe hat nicht nur eine Oberfl\\u00e4chenfarbe, sondern sie strahlt zus\\u00e4tzlich als Filmfarbe d\\u00fcnn, klar und durchschein end auf ihre Umgebung aus.<\\\/p><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">Ebenso fu\\u00dft die Arbeit von G\\u00fcnter Walter auf die Theorie der \\u201eSieben Farbkontraste\\u201c des Bauhaus-Lehrers Johannes Itten. Speziell interessiert sich Walter f\\u00fcr den Komplement\\u00e4rkontrast: f\\u00fcr den subjektiv erlebten Kontrast zwischen zwei Komplement\\u00e4rfarben, die sich gegenseitig in ihrer Leuchtkraft verst\\u00e4rken. Auch der Simultankontrast spielt eine gro\\u00dfe Rolle, das hei\\u00dft die Wechselwirkung von nebeneinanderliegenden Farbfl\\u00e4chen, die zu einer Steigerung der Farbintensit\\u00e4t f\\u00fchrt. Simultankontrast hei\\u00dft er, weil wir beim Betrachten einer Farbe immer gleichzeitig, also simultan, die komplement\\u00e4re Erg\\u00e4nzung mit wahrnehmen; diese strahlt auf die Ausgangsfarbe zur\\u00fcck und modifiziert unsere Wahrnehmung derselben. Besonders stark treten Simultankontraste auf, wenn nicht genau komplement\\u00e4re Farben gew\\u00e4hlt werden, sondern solche, die nach Ittens Farbkreis genau daneben liegen, das hei\\u00dft wenn zum Beispiel Rot nicht Gr\\u00fcn, sondern Gelbgr\\u00fcn oder Blaugr\\u00fcn gegen\\u00fcbergestellt wird.<\\\/p><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">Die einleuchtendsten Einsichten hierzu liefert die sinnliche Erfahrung. Die Kunst von G\\u00fcnter Walter macht diese Erfahrung explizit m\\u00f6glich. Wenn wir seine Bilder betrachten, werden wir regelrecht auf unsere Wahrnehmung zur\\u00fcckgeworfen, auf den unabschlie\\u00dfbaren Prozess des Sehens, auf das Ineinandergreifen von Sehen und Bewegung. Ein Beispiel: In der Zeichnung \\u201eGelb, Rot, Blau und Gr\\u00fcn\\u201c (Abb. 14) treten die drei Grundfarben Rot, Blau und Gelb und die Komplement\\u00e4rfarbe Gr\\u00fcn in Interaktion. Die eng gezogenen, horizontalen Farblinien teilen mittels eines austarierten Farbrhythmus die Bildfl\\u00e4che in neun Rechtecke auf. Im mittleren Bereich verdichtet sich das Farbfeld, die Linien der rechten und linken H\\u00e4lfte nehmen abwechselnd zwei Drittel der Bildfl\\u00e4che ein, der Linienabstand wird in diesem Bereich halbiert. Nichts als Linien also: Auf den ersten Blick nehmen wir die Zeichnung als eine schillernde Farbfl\\u00e4che wahr, die durch die unterschiedliche Strahlkraft und Farbintensit\\u00e4t der Rechtecke strukturiert wird. Zwischen den Linien auf dem wei\\u00dfen Papier entsteht vor unseren Augen ein zartbuntes Feld; je mehr wir vom Bild zur\\u00fccktreten, desto st\\u00e4rker diffundiert dieser Farbhauch in den Hintergrund. Doch wenn wir die Zeichnung aus der N\\u00e4he betrachten, k\\u00f6nnen wir deutlich sehen, dass jedes Rechteck seinen eigenen Rhythmus hat \\u2013 und dass es das Sehen auf jeweils individuelle Weise herausfordert. Im Rechteck links oben sind die Grundfarben im Wechsel Gelb \\u2013 Rot \\u2013 Blau \\u2013 Blau \\u2013 Rot \\u2013 Gelb angeordnet. W\\u00e4hrend Blau und Rot als Linien erkennbar bleiben, wirkt das Gelb aufgel\\u00f6st; seine Strahlkraft tritt aus dem Bild heraus, sie verschafft sich Raum. Der Gelbton wirkt w\\u00e4rmer als derjenige im unteren linken Rechteck, der im Rhythmus Gelb \\u2013 Gelb \\u2013 Gr\\u00fcn \\u2013 Blau \\u2013 Gr\\u00fcn gestaltet wurde, obwohl es sich um die gleiche Farbe handelt. Betrachten wir diese gelben Farbstreifen eine Weile eingehend, scheinen sie uns gr\\u00fcnlich durchsetzt. Je l\\u00e4nger wir das Bild anschauen, desto weniger k\\u00f6nnen wir Oberfl\\u00e4chenfarbe und Filmfarbe von den Kontrastwirkungen unterscheiden, die wir, so zwangsl\\u00e4ufig wie unbewusst, produzieren. Beim n\\u00e4heren Betrachten wirkt jedes Feld jedes Mal anders \\u2013 je nachdem, woher unser Blick kommt. Und was passiert, wenn wir das Bild als Ganzes erfassen wollen? Wenn wir es eine Weile fixieren, indem wir darauf starren, verblassen die Farben, das Bild l\\u00f6st sich immer mehr auf und beginnt zu flimmern, droht gar zu verschwinden: Eine Reaktion unseres Sehorgans auf die Strahlungsintensit\\u00e4t der Farben, die durch die Linienstruktur noch verst\\u00e4rkt wird. Setzen wir unsere Augen wieder in Bewegung, erscheint das Bild wieder vor unseren Augen \\u2013 und wir k\\u00f6nnen es wieder betrachten, in seiner ganzen farblichen Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit.<\\\/p><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">Die Kunst von G\\u00fcnter Walter konzentriert sich auf das Ph\\u00e4nomen Farbe mit aller Intensit\\u00e4t. Diese Kunst kommt unaufgeregt daher, und erregt dabei doch auf subtile Weise unsere Sinne. Und sie hat auch eine meditative Komponente: Seine Bilder transportieren die im Zen propagierte Form der Gegenwartserfahrung, die Konzentration auf den gegenw\\u00e4rtigen Augenblick im Handeln, F\\u00fchlen, Denken und Empfinden. Vor seinen Bildern kann man Ruhe finden, indem man sich der schieren Farbe ausliefert. Es ist eine Ruhe in der Bewegung, denn es gibt keinen Stillstand, sondern nur das Werden.<\\\/p><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">\\u00a0<\\\/p><h2 class=\\\"_Autor\\\">Dr.\\u2006Nicoletta Torcelli<\\\/h2>\",\"align\":\"top\",\"row\":0,\"col\":0,\"colspan\":24,\"offsetx\":0,\"offsety\":0,\"spaceabove\":0,\"spacebelow\":0,\"yvel\":1,\"push\":0,\"relid\":4,\"frameOverflow\":\"\"},{\"type\":\"text\",\"cont\":\"<p class=\\\"_Icons\\\"><a href=\\\"https:\\\/\\\/guenterwalter.de\\\/de\\\/texte\\\/\\\">\\u00d7<\\\/a><\\\/p>\",\"align\":\"middle\",\"row\":1,\"col\":0,\"colspan\":1,\"offsetx\":0,\"offsety\":0,\"spaceabove\":0,\"spacebelow\":0,\"yvel\":1,\"push\":0,\"relid\":5,\"classes\":\"close\"}]}","phonegrid":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/903","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=903"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/903\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/412"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=903"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=903"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=903"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}