{"id":909,"date":"2006-05-25T18:16:52","date_gmt":"2006-05-25T16:16:52","guid":{"rendered":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/texte\/quantitaet-und-qualitaet-der-farblinie-2\/"},"modified":"2023-06-11T19:24:41","modified_gmt":"2023-06-11T17:24:41","slug":"quantitaet-und-qualitaet-der-farblinie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/prof-eugen-gomringer\/quantitaet-und-qualitaet-der-farblinie\/","title":{"rendered":"Quantit\u00e4t und Qualit\u00e4t der Farblinie"},"content":{"rendered":"","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":412,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[44],"tags":[45],"class_list":["post-909","post","type-post","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category-prof-eugen-gomringer","tag-essay"],"grid":"{\"colCount\":24,\"colGutter\":0.1,\"rowGutters\":[0],\"frameMargin\":5,\"leftFrameMargin\":0,\"rightFrameMargin\":0,\"topFrameMargin\":18,\"bottomFrameMargin\":\"3.6\",\"rowAttrs\":[[],[]],\"bgColor\":null,\"cont\":[{\"type\":\"text\",\"cont\":\"<h1 class=\\\"_Textschrift_Ueberschrift\\\">Quantit\\u00e4t und Qualit\\u00e4t der Farblinie<\\\/h1><h1 class=\\\"_Textschrift_Ueberschrift\\\">Die Zeichnungen von G\\u00fcnter Walter<\\\/h1><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">\\u00a0<\\\/p><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">\\u00a0<\\\/p><h3 class=\\\"_Motto\\\">\\u201eDas Ordnungssymbol vom Wesen der reinen Linie ist der lineare Ma\\u00dfstab mit seinen verschiedensten L\\u00e4ngen.\\u201c<\\\/h3><h4 class=\\\"_Motto_Autor\\\">Paul Klee, 1922<\\\/h4><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">\\u00a0<\\\/p><p class=\\\"_Textschrift\\\">W\\u00fcrden die Kritiker mancher Konstruktiver Konzepte diese nicht immer wieder summarisch als Sp\\u00e4tlinge der Moderne oder der Avantgarde disqualifizieren und daf\\u00fcr differenzierter in der Gegenwart sehen, was sich im Felde dieser Konzepte immer wieder erneuert, w\\u00fcrden manche Werke origin\\u00e4rer Zeitgenossenschaft in der \\u00d6ffentlichkeit ver\\u00e4nderten Kategorien entsprechend beachtet werden. Es l\\u00e4sst sich zum Beispiel \\u2013 um eine bekannte Thematik als knappes Resume zu wiederholen \\u2013 seit dem Jugendstilmeister Henry van de Velde und seinem Essay \\u201eDie Linie\\u201c von 1910 eine immer wieder aufgegriffene Auseinandersetzung zur Interpretation des Liniencharakters verfolgen. War die Linie f\\u00fcr van de Velde im Lauf ihrer Geschichte vorwiegend kulturelles Symbol, fand sie ein Jahrzehnt sp\\u00e4ter in den \\u00dcbungen von Paul Klee am Bauhaus ihre organisch-biologische Bedeutung. Es versteht sich, dass mit der Linie, diesem wichtigsten Gestaltungsmittel schon jederzeit \\u2013 abgesehen von Theorienbedeutende Werke geschaffen worden sind, wobei im Sinne der Konstruktiv-Konkreten Kunst die Linie nicht nur als Umrandung und Begrenzung eingesetzt wurde, sondern sich im Rahmen eines Gesamtkonzepts verselbst\\u00e4ndigte. Schon van de Velde sprach am Ende seiner \\u00dcbersicht respektvoll von der Konstruktionslinie. Klee mit einem g\\u00e4nzlich unterschiedlichen Ansatz ging von der Individualit\\u00e4t und der Dividualit\\u00e4t von Strecken, von der rhythmischen Repetition, von der Gliederung und dem Strukturwechsel aus. Er gab damit ein Verfahren der Differenzierung vor, das bekanntlich auch Meisterwerken diente.<\\\/p><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">\\u00dcberdies erarbeitete Klee gleichzeitig auch Richtlinien f\\u00fcr die Bewertung der Farbe. Im Bereich der Konstruktiven Konzepte bilden Werke, die ausschlie\\u00dflich auf der Konstruktionslinie aufgebaut sind, genauer auf der Geraden und der Strecke, eine nur sporadisch anzutreffende Disziplin. Werke, wo mit kurzen gestrichelten Linien, einer Art Schraffur, B\\u00e4nder und Fl\\u00e4chen erzielt werden, sind in der hier vorgeschlagenen Betrachtung mit Ausnahme des Fr\\u00fchwerks auszuschlie\\u00dfen. Der K\\u00fcnstler G\\u00fcnter Walter engt das Repertoire der verbleibenden Konstruktionslinien noch um eine weitere Kategorie ein, indem er sich auf die gerade Farblinie konzentriert und diese mit dem Farbstift erzeugt. Es fallt sofort ins Auge, dass sich auf diese Weise ein exaktes Mittel und ein nur ann\\u00e4herungsweise exakt zu nennendes Mittel, die Farbe bzw. der Farbstift, in der Farblinie verbinden. Nicht ganz \\u00fcberfl\\u00fcssigerweise ist auch festzuhalten, dass G\\u00fcnter Walter die Farblinien von Hand zieht, wobei er nach der chronologischen Entwicklung im j\\u00fcngeren Werk das Lineal ben\\u00fctzt.<\\\/p><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">Schon diese wenigen Feststellungen lassen erkennen, dass der K\\u00fcnstler eine exakte Kunst mit eigenster pers\\u00f6nlicher Diszipliniertheit schafft. Dass die Linien, ob l\\u00e4nger oder k\\u00fcrzer, als Strecken mit der Hand gezogen werden \\u2013 heute geradezu entgegen aller digital gebotenen M\\u00f6glichkeiten \\u2013 mag vielen oberfl\\u00e4chlichen Kunstbetrachtern als altmodisch erscheinen \\u2013 die Empf\\u00e4ngnis f\\u00fcr den Sinn solcher Kunst, die Verbindung von Auge, Hand und geistiger Konzentration kann dann selbstverst\\u00e4ndlich nicht in Rechnung gestellt werden. Es ist eine analoge Kunst\\u00fcbung, \\u00fcber deren Wert als vollmenschliche T\\u00e4tigkeit man sich leicht einigen kann.<\\\/p><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">G\\u00fcnter Walter begann mit der Linie, die von freier Hand gezogen wird. Er erarbeitete aus sanften Schraffuren Farbb\\u00e4nder und quadratische Fl\\u00e4chen, die jedoch nicht der Herstellung solcher Formen, sondern der Bewertung der Farbqualit\\u00e4t dienten. Dieses Vorgehen kommt einer Vorpr\\u00fcfung der sich in der d\\u00fcnnen Farblinie auswirkenden Qualit\\u00e4t gleich. Dadurch kann bewertet werden, was Paul Klee in seinen Aufgabenstellungen als Dreischritt f\\u00fcr die Farbe analysierte: die Qualit\\u00e4t der Farbe, ihr Gewicht und ihre Ma\\u00dfeigenschaft, letztere verstanden als Grenze, Umfang und Ausdehnung. Immer wieder ist erkennbar, wie der K\\u00fcnstler von schraffierten Fl\\u00e4chen sozusagen Ausz\\u00fcge vornimmt, um damit Farblinien zu gestalten. Schraffuren dienen deshalb ganz klar nicht der Quantit\\u00e4t der Farblinien, sondern der Qualit\\u00e4t.<\\\/p><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">G\\u00fcnter Walter beh\\u00e4lt in der Farbe den \\u00dcberblick von einem bis zu 32 Farbstiften. Damit lassen sich nun feine Geraden mit einem Duktus ziehen, den man nicht anders als leise nennen kann. Sie stehen aber nie allein auf der Fl\\u00e4che, sondern es ist der Sinn dieser Kunst\\u00fcbung, sie zu meist eng gef\\u00fchrten Parallelen zu vereinigen. Es entstehen somit ,,B\\u00e4nder\\u201c entweder in der einen gleichen Farbe oder ebensolche in gemischten Farben, wozu mit den Schraffuren oft die Farbwerte der komplement\\u00e4ren Farben bestimmt werden. Eine einzige Farblinie, sanft durchgezogen, ist eine wunderbare Kunstlinie. Es gibt K\\u00fcnstler, die es oft bei zwei oder drei solcher Linien auf einem Blatt beruhen lassen. Dazu geh\\u00f6rt dann meist der abnehmende Druck, mit dem die Linie ausl\\u00e4uft. F\\u00fcr G\\u00fcnter Walter setzt mit der Farblinie bzw. mit den Farblinienscharen eine andere Vorstellung ein, die Vorstellung konkreter Gestaltung. F\\u00fcr den K\\u00fcnstler der Konkreten Kunst ruft die Fl\\u00e4che nach Teilung, Bildplan, Ordnung, Kombination. Die Farbstiftlinie kommt der konkreten Gestaltung sehr entgegen \\u2013 es gibt nur die reine, ungemischte Farblinie. Wenn jedoch mit Farbfamilien moduliert werden soll, l\\u00e4sst sich das durch nebeneinanderliegende Gruppen gleicher Farblinien erreichen. Daraus ergibt sich ein je nach Plan offeneres oder dichteres Gewebe, verursacht gleichsam durch Schuss und Kette. Dabei hat es der K\\u00fcnstler \\u201ein der Hand\\u201c, unterschiedliche Wahrnehmungsakte paralleler Farblinien zu beeinflussen, z.B. durch additive Farbmischungen.<\\\/p><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">Der F\\u00fclle qualitativer Farbwerte und ihrer Kombinationen steht die M\\u00f6glichkeit, die der \\u201elineare Ma\\u00dfstab mit seinen verschiedenen L\\u00e4ngen\\u201c setzt, keineswegs nach. Die Konstruktionslinie der Konkreten Kunst ist die Strecke, mit welcher der Gliederungscharakter gegeben ist. Sie ist Ma\\u00df der Quantit\\u00e4t im Ordnungsgef\\u00fcge: einfache Strecke, doppelte Strecke usw. Dem K\\u00fcnstler bieten sich also mit den verschiedensten Streckenl\\u00e4ngen in Verbindung mit den verschiedensten Farben eine F\\u00fclle kombinatorischer Konzepte, wobei die Themen und Systeme andererseits die Farben und die L\\u00e4ngen der Strecken bestimmen. Als ein Modul erweisen sich die vier farbigen Quadratseiten innerhalb gro\\u00dfer quadratischer Anlagen, die z.B. aus 6 \\u00d7 6 oder 12 \\u00d7 12 Quadraten bestehen. Man wird durch solche rhythmischen Folgen von Mengen an die Farbquadrate von Richard Paul Lohse erinnert, wobei der Unterschied zwischen den transparenten Linienqudraten von G\\u00fcnter Walter und den Farbfl\\u00e4chen des Malers selbstverst\\u00e4ndlich evident ist. 1m Fall der Linienquadrate folgt der Betrachter mit dem Auge den Positionen der einzelnen Farbstrecken und stellt die Struktur fest, die sich einem generellen \\u00dcberblick zu entziehen scheint. Es muss einer umfangreicheren Darstellung \\u00fcberlassen werden, \\u00e4hnlich wie sie f\\u00fcr das Werk von einigen Konkreten K\\u00fcnstlern der strengen Planung besteht, die thematische Ordnung struktureller M\\u00f6glichkeiten darzustellen. Abgesehen von struktureller \\u00c4hnlichkeit f\\u00e4llt bei den Farblinienstrukturen auf, dass sich dank der feinen F\\u00fchrung der Linien unerh\\u00f6rt subtile Gebilde entwickeln lassen.<\\\/p><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">Auch wenn G\\u00fcnter Walter Wert legt auf den durchwegs gleichartigen Druck auf den Farbstift, wirken seine Konstruktionen dennoch gef\\u00fchlt und mit subjektiver Identit\\u00e4t. Dies ersetzt vermutlich die enge Ber\\u00fchrung der Farben, wie sie bei Fl\\u00e4chen m\\u00f6glich ist, und damit die \\u201eInteraktion der Farben\\u201c, deren Beobachtung sich bekanntlich seit Josef Albers\\u2019 Testverfahren eingeb\\u00fcrgert hat. Daf\\u00fcr stehen den Farbstiftzeichnungen die Bildung von Farbzonen durch Farbfolgen und Farbmischungen sowie der kaum aussch\\u00f6pfbaren optischen Effekte zu Dienste. G\\u00fcnter Walter hat zu diesem Kapitel der Konkreten Kunst bereits eine breite Grundlage an Konzepten geschaffen.<\\\/p><p class=\\\"_Textschrift_Einzug\\\">\\u00a0<\\\/p><h2 class=\\\"_Autor\\\">Prof.\\u2006Eugen Gomringer<\\\/h2>\",\"align\":\"top\",\"row\":0,\"col\":0,\"colspan\":24,\"offsetx\":0,\"offsety\":0,\"spaceabove\":0,\"spacebelow\":0,\"yvel\":1,\"push\":0,\"relid\":4,\"frameOverflow\":\"\"},{\"type\":\"text\",\"cont\":\"<p class=\\\"_Icons\\\"><a href=\\\"https:\\\/\\\/guenterwalter.de\\\/de\\\/texte\\\/\\\">\\u00d7<\\\/a><\\\/p>\",\"align\":\"middle\",\"row\":1,\"col\":0,\"colspan\":1,\"offsetx\":0,\"offsety\":0,\"spaceabove\":0,\"spacebelow\":0,\"yvel\":1,\"push\":0,\"relid\":5,\"classes\":\"close\"}]}","phonegrid":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/909","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=909"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/909\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/412"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=909"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=909"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guenterwalter.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=909"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}