Günter Walter Freiburg Zeichnungen Malerei konkrete Kunst Farbstiftzeichnung


 

Günter Walter - Zeichnungen

 

Günter Walter wurde 1943 in Fürth geboren und ist dort aufgewachsen. In den 60er Jahren hat er an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg bei Prof. Gerhard Wendland Malerei studiert, der als wichtiger Vertreter der abstrakten Kunst nach 1945 galt und sich als Documenta-Teilnehmer einen Namen gemacht hatte. Günter Walter lebt seit vielen Jahren mit seiner Familie in Freiburg.

 

Bereits während des Studiums hat Günter Walter sich für die konkret-konstruktive Richtung in der Bildenden Kunst entschieden und ist ihr bis heute treu geblieben. Das bedeutet, dass Günter Walter sich schon früh, von Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit an, für einen besondere Weg in der abstrakten, nicht abbildenden Kunst entschieden hat, einen Weg, der auf äußerster Reduktion der Mittel beruht und der in Nichts auf die sichtbaren Dinge verweist. In den 70er Jahren hat er Farbfelder gezeichnet, die aus übereinander gelegten Schraffuren und Strukturen bestanden. Aus diesen hervorgegangen ist die Konzentration auf die Linie, die zum alles bestimmenden Gestaltungselement in seinen Papierarbeiten geworden ist. Auch wenn es einige Acryl-Gemälde von ihm gibt, schafft Günter Walter fast ausschließlich Zeichnungen. Er ist in aller Konsequenz und Radikalität Zeichner. Seine Materialien sind Farbstifte oder Bleistifte und das Papier. In dieser Ausstellung liegt der Schwerpunkt auf den  Buntstiftarbeiten aus den letzten 3 Jahren, circa 20 aktuelle Blätter bis hin zu den jüngst geschaffenen, aus den ersten beiden Monaten diesen Jahres.

 

Günter Walter notiert seine Bildideen zunächst auf losen Blättern und in Skizzenbüchern. Diese Bildideen bestehen aus Zahlenreihen und Farbversuchen in Form von quadratisch nebeneinander geordneten Farbblöcken. Die Zahlen bezeichnen Farbstiftnummern, ihre Reihungen und Wiederholungen, ihr Aufsteigen und Absteigen. Ebenfalls notiert sind Abstände, Längen, Formatgrößen. Die allererste Bildidee ist immer mit freier Hand gezeichnet, das heißt noch nicht konstruiert. Erst im zweiten Schritt wird die Struktur, das zugrundeliegende System erarbeitet und nieder geschrieben. Oft ergibt sich eins aus dem anderen. Eine Bildidee wird in verschiedenen Variationen durchgespielt,  Abstände, Proportionen verändert. In dieser Beziehung ähnelt das künstlerische Vorgehen dem von musikalischen Kompositionen – man denke beispielsweise an Bachs „Kunst der Fuge“ - auch hier werden mathematische Strukturen als Grundlage verwendet.

 

Die gezeigten Arbeiten können in drei Gruppen unterteilt werden:
a) Diejenigen, die aus horizontal gesetzten Linien bestehen, b) die, bei denen zu den horizontalen auch vertikale Linien kommen, so gesetzt, dass quadratische Reihungen entstehen, und c) werden diese beiden Gruppen in jüngster Zeit erweitert, indem zum Quadrat die Diagonale hinzukommt. Allen drei Gruppen ist gemeinsam, dass jedem einzelnen Blatt ein bestimmtes Bildsystem zugrunde liegt. Nie ist es exakt das Gleiche, immer finden sich feine Unterscheidungen und Veränderungen. Die „Versuchsbedingungen“ aber, sind immer die gleichen. Das streng orthogonale Raster wird nicht verlassen und die verwendeten Arbeitsmaterialien, Farbstift und Papier, werden durch nichts anderes erweitert.

 

Den Details, widmet der Künstler große Aufmerksamkeit und die Entscheidung, ob Farbstifte von Caran d‘Ache oder Faber-Castell, ob ein Bütten- oder Ingres-Papier mit rauer oder geschlossener Oberfläche, glatter oder strukturierter Textur, ob in sich leicht getönt und wenn ja wie, die Stärke eines Papiers, seine Grammatur, all diese feinen Differenzierungen sind ein bedeutender Bestandteil der umfangreichen Vorbereitungen. Bevor es zur eigentlichen Ausführung eines Entwurfs kommt, werden all diese Aspekte überdacht und geklärt. Nichts an dieser Kunst ist spontan oder aus einem Impuls des Augenblicks kommend, alles beruht auf Nachdenken, Konstruktion und Systematik.

 

Ist das System jedoch erst einmal entwickelt, könnte es prinzipiell - wie Günter Walter sagt - auch von einer anderen Person umgesetzt werden. Das System selbst ist nicht unbedingt an seine individuelle Künstlerhand gebunden. Seine Entwürfe können gelesen werden wie eine Anleitung von jedem, der die Vorgaben erfüllt, der lesen kann und Zahlenreihen in Farben und Längen übertragen kann. Aber ist das wirklich so? Wenn wir den Plan lesen können, wären wir dann wirklich in der Lage eine solche Zeichnung auszuführen? Für mich ist das eine rhetorische Frage, denn jeder, der sich auf diese zarten Blätter einlässt, spürt und sieht, dass das System nicht alles ist. Es kommt bei aller Zurückhaltung eben doch auch auf die Ausführung an. Es ist keineswegs egal, mit welchem Druck der Stift geführt wird und auch nicht egal, mit welcher Geschwindigkeit und der darin zum Ausdruck kommenden Konzentration. Ebenso ist es nicht egal, wie spitz der Stift ist, und wann nachgespitzt werden muss. Diese Dinge sind abhängig vom Ausführenden selbst, von seiner Einschätzung, seiner Gestimmtheit und persönlichen Verfassung und damit also abhängig von der Person des Künstlers.
Die dezidierte Absicht aber, weitestmöglich jedes subjektive Element aus den Zeichnungen heraus zu halten, ist Günter Walter sicherlich gelungen. Die Absicht, etwas aus den Blättern sprechen zu lassen, das sich sozusagen von selbst einstellt, hervorgerufen durch die Konstruktion, die Reihung und Zuordnung der Farben und überhaupt erst im Auge des Betrachters entsteht, die besondere Wirkung von Farben und ihren Volumina, das was sich zwischen den Linien ereignet, dieses Phänomen ist dem Künstler ebenfalls gelungen.

 

Veranschaulichen lässt sich das beispielsweise an der Gruppe der horizontalen Arbeiten: Wir sehen, dass es fast immer zwei Blöcke gibt. Die rechte Lineatur, die linke Lineatur. Beide durchdringen sich im Mittelteil und schaffen auf diese Weise einen dritten Block. Jeder dieser so genannten Blöcke ist von einer bestimmten Farbkombination bestimmt. Im einfachsten Fall sind es auf jeder Seite zwei Farben, meist sind es drei oder mehr. Gehen wir von drei Farben auf jeder Seite aus, dann haben wir im Mittelteil bereits sechs. Nun kommt die Wahl der Farben hinzu, ihre Reihung und ihre Abstände. Günter Walter beschäftigt sich intensiv mit dem Farbkreis und den Komplementärkontrasten. Das heißt den Farben, die sich auf dem Farbkreis gegenüberstehen, Rot und Grün, Gelb und Blau und dann in sämtlichen tonalen Abstufungen. Tauchen diese Farben nebeneinander auf, verstärken sie sich gegenseitig in ihrer Leuchtkraft, bzw. je nach Nachbarschaft schwächen sie sich. 
Farben erzeugen einen Farbraum, manche scheinen aus dem Papier hervorzutreten, andere zurück. Dadurch entsteht eine Bewegung auf dem Papier. Höhen und Tiefen werden empfunden, Verdichtungen und Löcher, Konturen scheinen sich treppenartig zu versetzen, wenn wir jedoch nah herantreten, stellen wir fest, dass unser Auge sich getäuscht hat und den optischen Gesetzen der Farbwirkung auf den „Leim“ gegangen ist. Der obere Rand ist keineswegs unregelmäßig, keine Linien sind ausgelassen worden und auch der letzte Strich ist nicht ohne Gegenstück.

 

Dies ist es, was Günter Walter in seinen Zeichnungen unternimmt. Mit den denkbar reduziertesten Mitteln, einem Stift, einem Lineal und einem Blatt Papier untersucht er optische Phänomene. Mithilfe von farbigen Linien, horizontal und vertikal, neuerdings auch noch diagonal, erzeugt er eine schier unendliche Variabilität, die vorführt wie eigendynamisch unser Sehen funktioniert,  das Auge agiert sozusagen eigenaktiv. Es ergänzt das Vorhandene durch etwas, das eigentlich gar nicht zu sehen ist. Die Zwischenräume zwischen den Farben erhalten eine eigene Energie, einen eigenen Körper. Farben können Volumen erzeugen und damit eine Bewegung auf der Oberfläche suggerieren. Ein Vortreten, ein Zurücknehmen, ein Aufscheinen und ein Verschwinden, alles Aufgrund der Wahl von Farbe, Nachbarfarbe, einer Verschiebung des Winkels, der Drehung und rhythmischen Wiederholung, des Abstandes, der Zwischenräume und der Platzierung im Format. Diese erstaunlichen, fein differenzierten Wahrnehmungsmöglichkeiten kommen auf ganz leisen Sohlen aus den reduzierten Papierarbeiten Günter Walters auf uns zu - sie bieten uns Seherfahrungen von höchst konzentrierter Dichte.

 

Christiane Grathwohl-Scheffel, M.A., Kunsthistorikerin, Freiburg, 2014, Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung im Merdinger Kunstforum

 

 

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